Puskás statt Lukács – Die Lukács-Forschungsstätte in Budapest wird de facto aufgelöst



Die Welt, Kultur, 17.02.2012

György Lukács bewohnte eine schöne Wohnung am Donauufer in Budapest. Nach seinem Tod wurde diese Wohnung zu einem Archiv und einer Bibliothek, zu einer Forschungsstätte, die zum einen Anlaufstelle und Unterstützung für Erforscher des Lukács'schen Werks und Kontexts war (ich erinnere mich, einmal den Sohn von Ernst Bloch, Jan Bloch, dorthin begleitet zu haben), zum anderen auch eigene Forschungen zu Textrekonstruktionen und Ausgaben anstrengte. Gewaltige geistige Schätze zur philosophisch produktivsten frühen Periode des Werkes von Lukács wurden so zu Tage gefördert. Einem gewissenhaften Bankbeamten in Heidelberg fiel bei der Nachricht vom Tode Lukács' ein, dass unter diesem Namen seit 1917 ein Koffer hinterlegt war. Das wurde der berühmte Fund von Heidelberg, in dem sich mehr als ein halbes Jahrhundert später unter vielen anderen ästhetische und kunstphilosophische Handschriften fanden, und es stellte sich heraus, dass die Theorie des Romans als Einleitung zu einem Dostojewski-Buch geschrieben worden war.

Die Forschungsstätte – Georg Lukács Archiv und Bibliothek – wurde nach vierzig Jahren ihres Bestehens in diesem Jahr de facto aufgelöst. Ihre vier exzellenten Forscher wurden zu Bibliotheksdiensten in der zentralen Bibliothek der Akademie verpflichtet, in der Wohnung verblieb lediglich eine Hilfskraft. Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis die schöne Wohnung versilbert wird, doch selbst wenn man diese Prophezeiung für allzu böswillig hält – sicher ist, dass der staatliche Forschungsrahmen für den größten ungarischen Philosophen weggefallen ist.


Kulturpolitik in Ungarn

In der Weltpresse wird Ungarn zur Zeit häufig erwähnt, da seine autokratische Regierung mit ihrer Zweidrittelmehrheit im Parlament die Gewaltenteilung, die Rechtsstaatlichkeit, die Unabhängigkeit der Richter, die Pressefreiheit, die Religionsfreiheit abgeschafft hat. Sie führte eine neue, nicht konsens-orientierte Verfassung ein und ließ Verfassungsgericht und das Ombudsman-System zur Bedeutungslosigkeit schrumpfen, Schlüsselpositionen (die Präsidenten der Finanzaufsicht, des Rechnungshofs, den Vorsitz des Nationalen Richterbüros, den Generalstaatsanwalt, den Vorsitz des Medienrates usw.) und die wichtigste symbolische Position, die des Staatspräsidenten, wurden mit gedungenen Parteisoldaten besetzt. Ihren großen Wahlerfolg missbrauchend entwertete sie selbst das parlamentarische System: fundamentale Gesetze – darunter auch rückwirkend in Kraft tretende – wurden regelmäßig auf der Grundlage von Anträgen einzelner Abgeordneter verabschiedet – und ein Garant der Gesetzgebung, die Debattenkultur, damit umgangen, mit der Opposition sucht sie keinerlei Dialog, in keiner einzigen Frage. Alle Macht läuft in den Händen des Ministerpräsidenten Viktor Orbán zusammen.

Die Folgen der in zunehmendem Ausmaß autokratische Züge annehmenden, illiberalen Demokratie für die Kultur sind weniger bekannt. Die Auflösung des Lukács-Archivs ist ganz eindeutig ein Beispiel für eine damnatio memoriae: das kulturelle Gedächtnis wird von allen Traditionen der Linken gereinigt. Das Gesetz, demzufolge der Kossuth-Platz vor dem Budapester Parlament in seinen Zustand aus dem Jahre 1944 rückverwandelt wird, wäre ein ideales Untersuchungsobjekt für Aleida Assmann. Das Standbild von Attila József, des – politisch links orientierten - größten ungarischen Dichters des 20. Jahrhunderts, sowie die Statue des radikalen Demokraten Graf Mihály Károlyi, des ersten Präsidenten der Republik, werden dieser Inszenierung zum Opfer fallen.

Doch sie reißt nicht nur die Herrschaft über die Erinnerung und über das Vergessen an sich. Eine Hetzkampagne gegen heutige politisch links gerichtete Philosophen wurde initiiert. Ich selbst stand im Fadenkreuz dieses Feldzuges gemeinsam mit Denkern, die in Deutschland gut bekannt sind: Agnes Heller und Mihály Vajda. Dagegen hatten zahlreiche Kollegen, wie Jürgen Habermas, Julian Nida-Rümelin, Ruth Sonderegger, László Tengelyi, Albrecht Wellmer sowie neun deutsche philosophische Gesellschaften protestiert.

Der Ministerpräsident tat noch vor seiner Wahl kund, dass die sozialliberale kulturelle Elite, die bedeutenden Schriftsteller (zu diesen zählen Péter Nádas, Péter Esterházy, György Konrád und Imre Kertész) als Elite "gescheitert" sei.


A Lukács Archívum – magyarnarancs.hu/Sióréti Gábor


Kulturelle Gleichgültigkeit statt Kulturkampf

Man könnte meinen, dass angesichts einer solchen Diagnose und der Taten, die dem Regierungswechsel folgten, – nach Vilfredo Pareto – eine Auswechslung der Elite folgen müsste. In Staat und Wirtschaft ist dies auch unerbittlich eingetroffen. Die Überraschung besteht darin, dass auf dem Gebiet der Hochkultur keinerlei Alternativen gereicht werden.

Nun, die Hauptstadt legte die Leitung eines Budapester Theaters in die Hände eines bekannten radikalnationalistischen (also: neonazistischen) Schauspielers, der bereits erklärte, dass er das neue Stück des alten fanatischen Antisemiten, des Schriftstellers István Csurka auf die Bühne bringen werde. Es handelt vom Friedensvertrag von Trianon aus dem Jahre 1920 (dem ungarischen Pendant zum Versailler Vertrag), von dem großen historischen Trauma Ungarns, in dessen Folge es auf ein Drittel seines Gebietes geschrumpft war. Der Einstellung Csurkas entsprechend halten in dem Stück jüdische Bankiers aus Amerika sämtliche Fäden in der Hand, sie manipulieren Wilson, Clemenceau und im Verbund mit den jüdischen Kommunisten (mit Trotzki alias Bronstein) planen sie bzw. nehmen sie als kalkulierten Verlust in Kauf, dass ihre Taten die bolschewistische und nationalsozialistische Diktatur, einen neuen Weltkrieg, ja sogar die Judenverfolgung hervorbringen, was jedoch – so ihr Argument – dem endgültigen Sieg der Juden und der Erlangung der Weltherrschaft zuliebe ertragen werden muss.

Dies hatte große Empörung in Ungarn ausgelöst (und auch andernorts: Christoph von Dohnányi sagte beispielsweise deshalb sein Konzert in Budapest ab), eine neue kulturpolitische Orientierung ist jedoch daraus nicht abzulesen, sondern es äußert sich darin vielmehr die völlige Gleichgültigkeit gegenüber dem, was in der Kultur geschieht. Wenn wir unter pragmatischen politischen Gesichtspunkten die Unterstützung der radikalen extremen Rechten brauchen, geben wir ihnen ein Theater. (Csurka ist kein Parteigänger der extremen Rechten in der Opposition, die in erster Linie für ihren Hass auf die Zigeuner bekannt ist, sondern der Regierungspartei Fidesz, die sich seit langem auch um die Stimmen der Faschisten bemüht.)

Die Erkenntnis aus den fast zwei Jahren, die seit dem Regierungswechsel ins Land gegangen sind, ist die Tatsache, dass die neue Macht in keiner Weise eine Legitimation in der Hochkultur sucht, sie ist ihr schlichtweg gleichgültig und darum beschneidet sie das System der staatlichen Kulturförderung radikal.


Rückblick: autokratische Kulturpolitik

Erstaunlich ist das darum, weil die autokratischen Systeme Ungarns im 20. Jahrhundert stets großen Wert auf die Bestätigung legten, die sie aus der Hochkultur gewinnen konnten.

Während der Herrschaft von Reichsverweser Horthy (1919–1944) waren die bedeutenden Vertreter der ungarischen Kunst und Kultur in der Opposition, doch der Staat unternahm große Anstrengungen, um den konservativen Kulturkult auszubauen und gelegentlich wurden auch unabhängige Geister mit hohen Auszeichnungen umworben, so etwa Bartók, Kodály oder der Großvater von Maestro Dohnányi, Ernő von Dohnányi.

In der kommunistischen Rákosi-Diktatur (1949–1956) herrschte auch in der Kultur eine Atmosphäre der Angst, doch gleichzeitig waren die größten Werke der Weltliteratur den Massen für Pfennigbeträge zugänglich – häufig in der Übersetzung der Schriftsteller und Dichter, die verschwiegen wurden. Künstler, die sich aus Überzeugung oder zum Schein der Macht anschlossen, genossen zahlreiche Privilegien, das Ansehen der bedeutendsten unter ihnen, etwa von Kodály und des Schriftstellers und Dichters Gyula Illyés wurde niemals in Frage gestellt.

Die blutig geborene Ära Kádár (1957–1989) warf auch nach 1956 Schriftsteller ins Gefängnis, doch in ihrer letzten Phase verlangte sie von Kulturschaffenden lediglich, nicht offen als politische Gegner aufzutreten, andernfalls wurden sie in die Emigration gezwungen – wie Agnes Heller – oder mit Publikations- und Berufsverbot bestraft – wie György Konrád, Mihály Vajda oder auch ich selbst. Wer sich jedoch an die immer weniger strengen Spielregeln hielt, wurde geehrt und zu keiner Geste gezwungen. Es muss auch eingeräumt werden, dass der große kulturelle Manipulator der zeitgenössischen Parteipolitik, György Aczél, Sinn für Qualität bewies. So wurde auch das Archiv des Kulturministers des Aufstandes von 1956, das Lukács-Archiv gegründet.

Die erste Regierung von Orbán (1998–2002) gelangte nach der Wandlung der anfangs liberalen, betont antinationalistischen und antiklerikalen Partei (und des Parteivorsitzenden) zum Nationalismus und Klerikalismus an die Macht. Und erwartungsgemäß setzte sie die Tradition fort, initiierte große kulturelle Projekte, baute ein Nationaltheater, förderte große nationale Historienfilme, begründete die höchste kulturelle Ehrung der Horthy-Ära, die Corvin-Kette, neu.


Die antikulturelle Wende

Scheinbar hat sie jedoch aus ihrem Scheitern und dem darauf folgenden acht Jahre währenden erzwungenen Warten die Lehre gezogen, dass eine Investition in die Hochkultur nicht lohnt, da sie keinen politischen Nutzen bringt. So begann sie nach ihrem großen Sieg im Jahre 2010 keinerlei Kulturkampf, sie brachte keine ihrer intellektuellen Unterstützer in Stellung. Der hoch angesehene hervorragende Verfassungsrechtler, der konservative und rechtsgerichtete László Sólyom wurde nicht erneut zum Staatspräsidenten gewählt und damit zeigte sie ganz offen ihre Geringschätzung für die Wunschvorstellungen ihrer eigenen Intellektuellen. Dies war eine symbolische Botschaft dafür, dass der Kultur keinerlei Autorität mehr zukommt und sie ihre kritische Freiheit nicht mehr nutzen kann. Mit Dutzenden von wirtschaftspolitischen Amokläufen entfremdete sie sich die bedeutendsten konservativen Ökonomen, die auch mit der vorangegangenen sozialdemokratisch-liberalen Regierung scharf ins Gericht gegangen waren. Von großen kulturellen Plänen ist nichts bekannt – oder doch nur in Form von verantwortungslosen Träumereien, die niemand ernst nimmt. Das neue Hochschulgesetz reduziert die Stellen im Hochschulwesen, die üblicherweise für Nachwuchs in Wissenschaft, Kunst, Philosophie und ganz allgemein in der kritischen Intelligenz sorgen.

Die neue autokratische Politik in Ungarn bricht daher radikal mit der autoritären ungarischen Tradition, die die Kultur in ihre Dienste locken oder zwingen wollte und auf deren Ansehen baute. Was bietet sie stattdessen an? Den anderen Liebling der Autokratien, den die Massen faszinierenden Wettkampfsport: Fussball. Will man auf dem Hauptplatz Ungarns die Uhren bis ins Jahr 1944 zurückdrehen, so geht man hier bis vor die Niederlage von Bern 1954 zurück. Der Bau von Stadien ist geplant, im Geburtsort des Ministerpräsidenten ist die Ferenc-Puskás-Fußballakademie gegründet worden und Orbán hatte im vergangenen November persönlich erklärt, dass man den Nachlass von Puskás aus Spanien nach Ungarn heimholen werde. Das Lukács-Archiv geht – das Puskás-Archiv kommt.

1952 nahmen übrigens György Lukács, Ferenc Puskás und eine erzstalinistische Historikerin gemeinsam an dem Friedenskongress in Wien teil. Der geniale, jedoch völlig ungebildete Puskás hatte vermutlich keine Ahnung von Lukács, der humorvolle, lebhafte kleine Mann war ihm jedoch augenscheinlich sympathisch. Lukács erzählte jedenfalls später voller Stolz, dass ihm der Stürmer, als die Historikerin in die Notizen von Lukács lugte, den Ellenbogen in die Seite stieß und ihm zuraunte: „Pass auf, Kumpel, die Tussi spickt!“


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Radnóti Sándor irodalomkritikus, művészetfilozófus, esztéta



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